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Tot geschlagen - Tot geschwiegen - den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus

Die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus wurden nach 1945 in beiden deutschen Staaten (DDR & BRD) totgeschwiegen, die Anerkennung als Opfergruppe des Nationalsozialismus blieb ihnen bis 2002 verwehrt. 

Durch das Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege (NS-AufhGÄndG) vom 23. Juli 2002 wurde in der Weise geändert, dass nun auch die Urteile nach §§ 175, 175a Nr. 4 in der Fassung des Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuchs vom 28. Juni 1935 (RGBl. I S. 839) pauschal aufgehoben wurden.
Das Bundesjustizministerium schätzte Mitte 2017 die Zahl der noch lebenden Opfer der Strafnorm auf rund 5000. Sie sollen mit 3000 Euro pro Urteil und 1500 Euro pro angefangenem Jahr eines Freiheitsentzugs entschädigt werden. Zum Vergleich: Nach dem Gesetz über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen erhalten zu Unrecht Inhaftierte (seit 2009) eine Haftentschädigung von 25 € pro Tag, also rund 9100 € pro vollem Jahr.

Die Ermordeten sollen nicht noch um das Einzige betrogen werden, was unsere Ohnmacht ihnen schenken kann – das Gedächtnis.
Theodor W. Adorno: »Eingriffe«

Nicht nur die KZ-Gedenkstätten in Deutschland (DDR und BRD) weigerten sich, der Opfergruppe der Homosexuellen (Rosa Winkel) wenigstens eine Gedenktafel zu widmen.

Weil das Internationale Lagerkomitee Dachau 1985 eine Gedenktafel für die homosexuellen Opfer im öffentlichen Raum verweigert hatte musste der Stein 1995 in der Evangelischen Versöhnungskirche der Gedenkstätte aufgestellt werden. Erst am 29. April 1995 (50. Jahrestag der Befreiung) konnte die Gedenktafel offiziell eingeweiht werden.

21. Mai 1983 - Das erste Gedenken in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen (NMuG) durch eine Initiativgruppe um den Schwulenaktivisten  Christian Pulz
Die Kreisdienststelle Oranienburg des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) observierte am 21. Mai 1983 eine Gruppe von Schwulen und Lesben:

»... die feststellung der personalien ergab, dass alle personen ddr-buerger sind...«

»13 Personen (7 männliche, 5 weibliche und 1 Kind) ... diese Personengruppe ... betrat gegen 13.00 Uhr die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Sehr interessiert und tiefgründig informierten sie sich über die einzelnen Ausstellungsbereiche ... und legten gegen 15.45 Uhr am "Galgen" ein Blumengebinde (ohne Aufschrift) nieder. ... folgende Eintragung im Gästebuch vorgenommen: "Wir gedachten heute der im KZ Sachsenhausen ermordeten homosexuellen Häftlinge. Wir waren sehr betroffen, hier nichts über ihr Schicksal zu erfahren.«
Quelle: BStU, MfS, BV Potsdam, KD Oranienburg, Nr. 12398

30. Juni 1984 – Versuchte Kranzniederlegung
Aus einer „Operativen Information“ des MfS, Abteilung XX/2, Aktenzeichen lu-pl 42 328 vom 27.6.1984:

Die Arbeitsgruppe „Homosexueller für den Frieden“ (ESG) plante einen Besuch und Kranzniederlegung in der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Wortlaut der Schleife: „Zum Gedenken an die Homosexuellen, die im 3. Reich umgebracht wurden. Gruppe Homosexuelle für den Frieden Berlin“ „Eintragung in das ausliegende Gästebuch, wobei man hauptsächlich die Frage aufwerfen will, warum inhaftierte gewesene Homosexuelle nicht als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt werden. Der Text, er umfaßt ca. eine Seite A4, wurde bereits vorbereitet und soll nur noch in den ausliegenden Buch eingeklebt werden.“

Diese Kranzniederlegung wurde durch das MfS in Zusammenwirken mit Otto Funke, Vorsitzender der Zentralleitung des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR, unterbunden. Der Kranz wurde später auf einem Treffen der Arbeitsgruppe am 8. Juli 1984 ausgestellt. Der tatsächliche Text auf der Kranzschleife lautete: »... In Gedenken an die Homosexuellen Opfer des Faschismus - Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe Berlin -  Lesben in der Kirche - Schwule in der Kirche« 

(Quelle: BStU, MfS HA XX, Fo 760 Bild_0104)

27. Juni 1985 - Der Westberliner Schwulenaktivist Detlef Mücke erinnert sich an eine Kranzniederlegung in Sachsenhausen
Anlässlich des 40. Jahrestags der Befreiung vom Faschismus sollte auf Initiative von Joachim Müller im Rahmen des Christopher Street Day (CSD) an die ehemaligen Rosa-Winkel-Häftlinge erinnert werden. Aus diesem Grunde hat das »Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer e.V. in Berlin (West)« zu einer Kranzniederlegung in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen (NMuG - DDR, Oranienburg) eingeladen.
Die Teilnehmer aus Westberlin mussten selbst einen Antrag auf Einreise in die DDR in einem „Büro für Besuchs- und Reiseangelegenheiten“ stellen. Auf dem Programm standen eine angemeldete Führung durch die NMuG, eine Kranzniederlegung für die Rosa-Winkel-Häftlinge, der Dokumentarfilm „Todeslager Sachsenhausen", ein Vortrag von Joachim Müller „Zur Situation der Homosexuellen in den Konzentrationslagern“ und eine Eintragung in das Besucherbuch.

Bild: Joachim Müller hält die Gedenkrede. 2. v.l. Ingried Klebon (lesbische Aktivistin), ... 5. v.l. Detlef Mücke (schwuler Aktivist; GEW Schwule Lehrer) und viele andere Aktivisten. - Quelle: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Dauerausstellung im Neuen Museum.
Die die Westberliner Aktivisten wurden durch einen Mitarbeiter der NMuG geführt und begleitet. Detlef Mücke; „Herr Meister, war ein dem Thema aufgeschlossener und gesprächsbereiter Begleiter. Das sehr ansprechende, geschmackvolle Gebinde, das durch die päd. Abteilung besorgt worden war, eine Schleife trug, die auf der ‚Absenderseite‘ war unbedruckt war, hat allerdings zu einem Mißklang geführt.“ Dazu noch einmal Detlef Mücke: „Die rote Schleife mit der Aufschrift 'DIE OPFER MAHNEN UNS / TREFFEN DER BERLINER SCHWULENGRUPPEN' hatte ich in einem Blumenladen in West-Berlin anfertigen lassen und in meiner Unterhose über den Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße in die DDR „rüber geschmuggelt“, da uns bewusst war, dass eine derartige Schleife nicht in Ost-Berlin gefertigt werden konnte.“ Diese Schleife haben wir zusätzlich an das Gebinde befestigt aber sie wurde noch in unserer Anwesenheit entfernt“.

4. September 1987 - Unser Gesprächskreis Homosexualität
Wir legten erstmalig in der NMuG am ehemaligen Krematorium ("Station Z ") mit der Plastikgruppe vom DDR-Nationalpreisträger Prof. Waldemar Grzimek für die homosexuellen KZ-Opfer einen Kranz und Blumen nieder.

6. Mai 1989 Kranzniederlegung aus Anlass des Tages der Befreiung vom Faschismus (8. Mai 1945)

Gemeinsam mit dem »Arbeitskreis der Bekenntnisgemeinde Berlin „Schwule in der Kirche“« und dem »Arbeitskreis homosexuelle Selbsthilfe der evangelischen Kirche« aus Brandenburg gedachten wir der Opfer der faschistischen Gewaltherschaft, insbesondere derer, die wegen ihrer Homosexualität im KZ Sachsenhausen ermordet wurden. Die Gedenkrede hielt unser Freund Wilfried R. (1. v. l.).
(Bildquelle: Potsdamer Kirche, 11.06.1989)

10. Juli 1992 - 47 Jahre - nun nicht mehr länger totgeschwiegen
Die Tageszeitung „Neues Deutschland berichtet in ihrer Ausgabe vom 10. Juli 1992:
»Rosa Winkel erinnern an Nazi-Opfer
Mitglieder der Schwulengruppe bei der PDS Berlin haben im KZ Sachsenhausen einen provisorischen rosa Gedenkwinkel mit der Aufschrift „Totgeschlagen-Totgeschwiegen - den schwulen Opfern von Sachsenhausen“ für die vor 50 Jahren dort von den Nazis ermordeten 200 Rosa-Winkel-Häftlinge angebracht.
Dabei waren auch Vertreter des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweise der Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie. Damit wird an eine Tradition der Schwulen- und Lesbenbewegung angeknüpft, die für das Anbringen von Gedenktafeln in Konzentrationslagern und anderen erinnerungswürdigen Stätten kämpft, um auf das Leid der durch die Nazis getöteten Homosexuellen aufmerksam zu machen. Die zunächst nur provisorischen Gedenkwinkel sollen später durch feste  Gedenktafeln ersetzt werden.
«
(Quelle: neues-deutschland.de / 10.07.1992 / Seite 8)

Was die Zeitung nicht wusste.

Peter Birmele bemühte sich bereits seit 21. Mai 1991 um die Errichtung einer Gedenktafel/Gedenkstein für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Die Landesregierung Brandenburg, die Gedenkstättenleitung und eine Expertenkommission vertraten die These, dass alle Opfergruppen zu berücksichtigen sind. Als neuer Ort des gemeinsamen Gedenken wurde das Gelände des Zellenhauses vorgeschlagen. Im Sommer 1992 wurde dort für eine Gedenktafel angebracht. Rechts und Links von dieser Tafel sollten weitere Gedenktafeln folgen.

22. November 1992 - Tafel gegen das Vergessen
Der Diplom-Bildhauer Stephan J. Möller aus Hohenbruch, Ldkrs. Oberhavel wurde im Juni 1992 von Peter Birmele mit dem Entwurf beauftragt. An den Entwürfen und Gestaltung hat Peter Birmele, als ausgezeichneter Buchhersteller, mitgewirkt. Die Firma Bätschmann, Fahrzeug- und Pavillonbau aus Henningsdorf übernahm die Ausführung der Arbeiten.

Endlich, am Totensonntag, 22. November 1992 wurde die Gedenktafel feierlich enthüllt. Über 150 Menschen nahmen an der feierlichen Enthüllung teil. Die Berliner Schwulenchöre „Männerminne“ und „Rosa Cavaliere“ trugen unter der Leitung von Thomas Noll mit Gesängen durchsetzt die Todesfuge von Paul Celan vor.

[Video Paul Celan  - Todesfuge: www.youtube.com/watch]

»Als ein „Zeichen der Freude und der Dankbarkeit“ bezeichnete der Festredner Wilfried Rummler gestern die Einweihung. Lesben und Schwule sind nicht nur Opfer, weil sie in den faschistischen Konzentrationslagern totgeschlagen wurden. Die Diskriminierung setzte sich nach dem Kriege fort, als sowohl DDR als auch Bundesrepublik diese Opfer totschwiegen.
Vor den rund 500, die am gestrigen Herbstsonntag nach Sachsenhausen gekommen waren, warnte  Rummler vor den anderen Zeichen, die es gebe: „brennende Häuser in Rostock, Hoyerswerda oder die niedergebrannte Baracke hier in Sachsenhausen.“ Davor dürften wir die Augen nicht verschließen, „wenn schon die Politiker Scheuklappen haben.“
Auch wurde an die besondere Situation der homosexuellen Häftlinge im Lager erinnert. Sie waren die „niedrigste Kaste“ und „ausgegrenzt aus der Schreckensgemeinschaft“. Viele mußten im Außenlager „Klinker“ schwerste körperliche Arbeit verrichten, nicht wenige gingen daran kaputt. Wieviele genau weiß niemand. Insgesamt wird die Zahl der Rosa-Winkel- Häftlinge in allen Lagern auf 15 000 geschätzt.
Im Anschluß an diese erinnernden und mahnenden Worte legten viele der Gekommenen Blumen und Kränze nieder. Unter ihnen auch Vertreter von Bündnis 90, Grünen, PDS und FDP. FDP-Landesvorsitzende Carola von Braun sprach in ihrem Grußwort von einem „sichtbaren Zeichen“ dafür, daß wir es nicht mehr zuließen, daß in diesem Land wieder Minderheiten verfolgt würden. Karin Dörre, die für die PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus ein Kranz niederlegte, hielt es für „längst überfällig, daß hier eine solche Gedenktafel hinkommt.
Einige wollten gar nichts sagen. Sie verneigten sich lieber still vor der schwarzen, quadratischen Metalltafel.«
(Quelle: Frank Stur, Neues Deutschland, 23.11.1992, S. 5)
Die zur Gedenkveranstaltung eingeladenen Vertreter der Brandenburgischen Landesregierung blieben der Veranstaltung fern.
Im Anschluss an die Einweihung der Gedenktafel luden der Arbeitskreis der Adventgemeinde und die Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) Berlin zu einem gottesdienstlichen Gedenken im Andachtsraum ein.

Totenbuch & Stolpersteine der bisher namentlich bekannten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen & des Männerlagers im KZ Ravensbrück

Die Ermordeten sollen nicht noch um das Einzige betrogen werden, was unsere Ohnmacht ihnen schenken kann – das Gedächtnis.
Theodor W. Adorno: »Eingriffe«

»Dieses Buch ist dem Andenken der Homosexuellen gewidmet, die im KZ Sachsenhausen schikaniert, gedemütigt, gequält oder ermordet wurden.«
(Quelle: Joachim Müller, Andreas Sternweiler »Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen«, Verlag rosa Winkel 2000)

Diese Namensliste wurde ergänzt durch weitere bekannte Namen, Angaben zu vorhandenen Stolpersteinen und Leidenswege der bekannten homosexuellen Opfer des KZ Sachsenhausen & des Männerlagers des KZ Ravensbrück finden Sie auf: Totenbuch & Stolpersteine. In der Zwischenzeit sind mehr als 315 Namen bekannt. Wichtig erscheint uns die Namen der im Männerlager KZ Ravensbrück ermordeten schwuler Männer zu erforschen. Das KZ Ravensbrück war nicht nur ein Frauenlager. Anders als bei den Frauen, war die homosexuelle Veranlagung ausreichend um sie zu Verfolgen. Sie wurden in Gefängnissen und Zuchthäusern eingesperrt, Zwangssterilisiert, in den KZ's und Tötungsanstalten, Bernburg, Pirna-Sonnenstein usw. ermordet. Die Liste wurde mit freundlicher Unterstützung u. a. von:
• Jürgen Wenke (Rosa Strippe, Bochum) - Siehe auch: https://www.stolpersteine-homosexuelle.de/
• Rainer Hoffschildt (Hannover, Verein zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen (VEHN) e.V.)
• Albert Knoll (München)
und weitere Helfer um Angaben zu Stolpersteinen, Leidensweg, ... ergänzt.

Rede zum Gedenken an die homosexuellen Opfer am 11. Mai 2019 in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen.

Recherchen: Lothar Dönitz - Gesprächskreis Homosexualität

RSSPrint

Letzte Änderung am: 20.08.2019